Schilddrüsenbedingte Störungen der Sexualhormone (Prolaktin, Östrogene, Progesteron, Androgene)

Im Verlauf der → Hashimoto-Thyreoiditis und des → Morbus Basedow kann es zu zahlreichen Wechselwirkungen zwischen Schilddrüsenhormonen und Sexualhormonen kommen. Störungen der Schilddrüsenhormone wie eine Unter- oder Überfunktion können den Monatszyklus beeinflussen oder auch der Grund für eine ungewollte Kinderlosigkeit sein. Diese Probleme treten gehäuft bei Frauen mit einer manifesten Hypothyreose auf, können aber auch schon bei latenten Störungen vorliegen. Dafür kann es mehrere, sehr unterschiedliche Gründe geben.

Prolaktin

Oftmals liegt es daran, dass das TRH nicht nur die Freisetzung von TSH fördert um die Schilddrüse zur Produktion von Schilddrüsenhormonen zu stimulieren, sondern gleichzeitig auch die Freisetzung von Prolaktin angeregt wird.

“Die Prolaktinsekretion wird von zahlreichen endokrinen Faktoren moduliert: Während das TRH, das Östradiol, das Oxytocin und das Angiotensin eine stimulierende Wirkung haben, entfalten das Progesterin, GABA, das Thyroxin, das Somatostatin und das Dopamin einen hemmenden Effekt.” (W. Feichtinger “Schilddrüse aus der Sicht des Fertilitätsmediziners”, Schilddrüsenkonsens Wien-Niederösterreich, www.schilddruesengesellschaft.at, Zugriff am 01.10.2015)

Prolaktin ist ein Schwangerschaftshormon, welches die Milchbildung stimuliert. Bei nicht schwangeren Frauen kann ein Überschuss an Prolaktin zu anovulatorischen Zyklen (kein Eisprung) bis hin zu ausbleibender Regelblutung führen. Oft treten ausgeprägte Beschwerden im Bereich der Brüste auf (Spannungsgefühle, Schmerzen, Schwellungen, Milchfluss).

Dieser Prolaktinüberschuß normalisiert sich oft, wenn die Hypo- oder auch die Hyperthyreose mit Schilddrüsenhormonen ausgeglichen wird. Die Besserung von Zyklusstörungen kann jedoch einige Monate hinter der Schilddrüsenhormoneinstellung hinterherhinken.

Östrogene & Progesteron

Aber auch bei regelmäßigen Blutungen können Störungen der weiblichen Hormone vorliegen. Es kann sein, dass dann bei anovulatorischen Zyklen ein Östrogenüberschuss und gleichzeitig ein Progesteronmangel vorliegt. Östrogene und Progesteron sind Gegenspieler. Dieses Ungleichgewicht der Sexualhormone wirkt sich wiederum negativ auf die Funktionsweise der Schilddrüsenhormone aus. Durch ein Zuviel an Östrogenen wird die Anzahl der Bindungseiweiße erhöht, wodurch die Schilddrüsenhormone stärker gebunden und weniger in den Organen freigesetzt werden. Auch ohne ausreichend Progesteron können die Schilddrüsenhormone nicht richtig wirken. Die Beschwerden die durch Störungen der Sexualhormone ausgelöst werden, können unter Umständen als zyklusabhängige Hypothyreose fehlgedeutet werden. Sehr häufig kommt es auch hier zur Ausbildung eines praemenstruellen Syndroms mit Symptomen wie Wassereinlagerungen, Gewichtszunahme und Spannungsgefühlen in den Brüsten.

Hintergrundwissen: Die Produktion von Sexualhormonen geht vom Hypothalamus aus, welcher mit Signalstoffen die Hypophyse zur Hormonproduktion anregt. Die Hypophyse setzt die Hormone LH (luteinisierendes Hormon) und FSH (follikelstimulierendes Hormon) frei. Dadurch werden die Eierstöcke angeregt die weiblichen Hormone, verschiedene Östrogene und Progesteron zu bilden. In der ersten Zyklushälfte dominiert das FSH, wodurch in den Eierstöcken mehrere Eibläschen heranreifen. Parallel dazu werden von den Eierstöcken Östrogene gebildet. Zur Zyklusmitte hin steigt dann die Konzentration des LH stark an, wodurch der Eisprung ausgelöst wird. Mit dem Eisprung beginnt die zweite Zyklushälfte. Das herangereifte Ei ist nun befruchtungsfähig und wandert vom Eierstock durch den Eileiter bis in die Gebärmutter. Dabei bleibt im Eierstock die Eihülle zurück. Aus dieser Eihülle entsteht der sogenannte Gelbkörper, welcher das Progesteron produziert. Wird das Ei nicht befruchtet, sterben Ei und Gelbkörper ab. Gleichzeitig sinken der Östrogen- und Progesteronspiegel ab. Am Ende dieses circa 28 Tage dauernden Zyklus wird die Gebärmutterschleimhaut abgestoßen.

Übersicht über Progesteron- und Östrogen-Mangelsymptome
Übersicht über Progesteron- und Östrogen-Mangelsymptome

Viele der begleitend zur Hashimoto-Thyreoiditis oder zum Morbus Basedow auftretenden Beschwerden im Bereich der weiblichen Hormone normalisieren sich, wenn die Schilddrüsenfunktionslage richtig eingestellt ist. In einigen Fällen (besonders bei lange unbehandelten Hypothyreosen) können diese Zyklusprobleme aber auch unabhängig davon bestehen bleiben und müssen gesondert behandelt werden. Häufig werden hartnäckige Beschwerden dann entweder durch einen Progesteron- oder einen Östrogenmangel ausgelöst. Vor der Menopause ist ein Progesteronmangel häufiger, mit dem Beginn der Wechseljahre ein Östrogenmangel wahrscheinlicher. Die Tabelle gibt eine kurze Übersicht über die Symptome, die durch einen Progesteron- bzw. Östrogenmangel ausgelöst werden können.

Störungen der weiblichen Hormone können rückwirkend auch wieder den Verlauf der Schilddrüsenautoimmunerkrankungen beeinflussen. Hohe Östrogenspiegel wirken sich dabei eher negativ auf den Autoimmunprozeß aus, weil sie ihn stimulieren. Ist jedoch gleichzeitig der Progesteronspiegel erhöht, können diese beiden Sexualhormone beruhigend auf den Autoimmunprozeß wirken.

Androgene

Eine Hyperthyreose wirkt sich darüber hinaus besonders auf die Androgene aus. Das SHBG (Sexualhormon-Bindendes Globulin) ist erhöht und induziert eine erhöhte Umwandlung von Androgenen zu Östrogenen. Über wenig erforschte, komplizierte Rückkopplungsprozesse verstärkt ein Zuviel an Androgenen die Ausschüttung von LH und FSH während ein Überangebot an Östrogenen sich negativ auf das natürliche Gegenspielerhormon Progesteron auswirkt.

Das Polyzystische Ovarsyndrom tritt bei etwa 5-10% der Frauen im gebärfähigen Alter auf. Diskutiert wird ein gehäuftes Auftreten des PCO-Syndroms bei Frauen mit Hashimoto-Thyreoiditis. Bei dieser Erkrankung kommt es zu einer Erhöhung der männlichen Geschlechtshormone (Androgene) mit Symptomen wie Akne, vermehrter Körperbehaarung, Zyklusstörungen z. B. ausbleibende Blutungen und Übergewicht.

Tipp: Progesteron fördert die Verwertung der Schilddrüsenhormone und normalisiert den Zinkhaushalt. Unter einer Östrogendominanz, die fast zwangsläufig einen Progesteronmangel nach sich zieht, kommt es zu enormen Zinkverlusten. Die Einnahme von Zink beeinflusst wiederum den Monatszyklus. In der ersten Zyklushälfte kann dadurch der Östrogenspiegel leicht absinken. Da Östrogen und Progesteron Gegenspieler sind wirkt das Progesteron entsprechend stärker. Diesen Effekt kann man sich bei einem häufig begleitend zu einer Schilddrüsenunterfunktion auftretenden Progesteronmangel zu Nutze machen, indem man z. B. zusätzlich zu einem Mönchspfefferpräparat 15 – 25 mg → Zink täglich einnimmt.


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