Grundlagen der Therapie mit Schilddrüsenhormonen, Teil1: Behandlungsbeginn


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Schweregrad einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) und Behandlungsbeginn?

Allgemeine Übereinstimmung herrscht darüber, dass bei deutlich erhöhten basalen → TSH-Spiegeln und erniedrigten Schilddrüsenhormonwerten sofort eine Behandlung eingeleitet wird. Des weiteren untersuchte eine Schweizer Arbeitsgruppe, ob Patienten mit einer subklinischen Hypothyreose (gering erhöhtes TSH, normale Schilddrüsenhormone) von einer Schilddrüsenhormontherapie profitieren. An dieser Schweizer Studie nahmen 66 Frauen mit subklinischer Hypothyreose teil. Diese erhielten über einen Zeitraum von 48 Wochen entweder L-Thyroxin oder Placebo. Bei den Frauen, die mit L-Thyroxin behandelt wurden, besserten sich sowohl die Blutwertwerte als auch das Befinden. Die Autoren dieser Studie sind sich deshalb sicher, dass Patienten mit subklinischer Hypothyreose von der Therapie mit L-Thyroxin profitieren (C. Meier , J. J. Staub, C. B. Roth, M. Guglielmetti, M. Kunz, A. R. Miserez, J. Drewe, P. Huber, R. Herzog, B. Muller: “TSH-controlled L-thyroxine therapy reduces cholesterol levels and clinical symptoms in subclinical hypothyroidism: a double blind, placebo-controlled trial (Basel Thyroid Study)”, J Clin Endoc a Metab 2001, 10(86): 4860 – 4866).

Behandlung schon bei normaler Schilddrüsenfunktionslage (Euthyreose)?

Wenn → Schilddrüsenautoantikörper vorhanden sind, besteht ein erhöhtes Risiko eine Hypothyreose zu entwickeln. Eine frühzeitige Behandlung mit Schilddrüsenhormonen kann die Aktivität des Autoimmunprozesses vermindern, die Höhe der Antikörper senken und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. In Einzelfällen können aufgrund des individuellen Toleranzbereichs, trotz normaler Schilddrüsenhormonwerte bereits Unterfunktionssymptome bestehen, die durch die Einnahme von Schilddrüsenhormonen gelindert werden können. Bereits eine geringe Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen kann zu erhöhten Blutfettwerten sowie zu Bluthochdruck mit einem daraus resultierenden kardiovaskulärem Risiko führen. Durch eine Schilddrüsenhormontherapie wird dieses Risiko deutlich gemindert. Bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch und Schilddrüsenantikörpern kann eine frühzeitig beginnende Schilddrüsenhormontherapie im Hinblick auf die Fertilität positive Effekte haben (P. M. Schumm-Draeger: „Autoimmunthyreoiditis – Behandlung schon bei Euthyreose?“, 21. Wiesbadener Schilddrüsengespräch 2003).

Schilddrüsenhormone: Täglich eine Tablette 30 Minuten vor dem Frühstück einnehmen.
Schilddrüsenhormone: Täglich eine Tablette 30 Minuten vor dem Frühstück einnehmen.

Schilddrüsenhormontherapie einschleichend beginnen?

Meistens wird eine → Anfangsdosis von 25 µg gewählt und dann langsam alle ein bis zwei Wochen um weitere 25 µg gesteigert. In Einzelfällen, beispielsweise bei älteren Erkrankten oder bei Personen mit bestehenden Herzerkrankungen wird vorsichtiger dosiert, um das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen zu minimieren. Schilddrüsenhormone erhöhen den Sauerstoffverbrauch des Herzens, wodurch sich bestehende Herzerkrankungen verschlechtern könnten. Inwieweit eine Dosisstärke vom Patienten vertragen wird, hängt auch davon ab, wie lange vor Therapiebeginn eine Hypothyreose bestanden hat.

Morgendliche Nüchtern-Einnahme?

Die Tabletten sind sehr klein und können deshalb meist problemlos mit etwas Wasser geschluckt werden. Alternativ gibt es Thyroxin auch in Tropfenform . Auf keinen Fall dürfen die Schilddrüsenhormone zusammen mit calciumhaltigen Getränken (z. B. Milch, Kakao, Milchkaffee, Trinkjoghurt usw.) eingenommen werden da dies die Resorption vermindert. Aus dem gleichen Grund sollte nach der Tabletteneinnahme eine Zeitspanne von 30 – 60 Minuten bis zum Frühstück abgewartet werden. Dies ist bisher die gängige Praxis. Eine niederländische Forschergruppe hat jedoch eine aktuelle Studie zum Einnahmezeitpunkt der Schilddrüsenhormontabletten durchgeführt und kommt zu dem Ergebnis, dass diese bei abendlicher Einnahme ganz offensichtlich besser verwertet werden als bei der üblichen morgendlichen Einnahmepraxis (N. Bolk, T. J. Visser, A. Kalsbeek, R. T. van Domburg, A. Berghout: „Effects of evening vs morning thyroxine ingestion on serum thyroid hormone profiles in hypothyroid patients“, Clin Endoc 2007, 66: 43 – 48.) Weitere wissenschaftliche Untersuchungen sind notwendig. Erste Erfahrungsberichte von Schilddrüsenkranken deuten darauf hin, dass sich eine unter der Schilddrüsenhormontherapie nicht seltene Symptomatik (erst Abends topfit, Einschlafschwierigkeiten, Morgens nicht aus dem Bett kommen, Morgentief, innerliches Zittern und Nervosität besonders am Vormittag) durch die abendliche Thyroxineinnahme positiv beeinflussen läßt.

Tablette vergessen oder wegen einer Blutabnahme weggelassen?

Die Einnahme von Schilddrüsenhormonmedikamenten erfolgt normalerweise morgens 30 bis 60 Minuten vor dem Frühstück, weil dann die Aufnahme von Levothyroxinnatrium am besten gewährleistet ist. Nüchtern werden etwa 75 – 85 % des Wirkstoffes aufgenommen. Es ist individuell unterschiedlich, ob das einmalige Auslassen bemerkt wird. Normalerweise wird mit der täglichen Einnahme der körpereigene Speicher aufgefüllt, aus dem sich der Körper dann bei Bedarf bedient. Es ist also nicht so, dass der Inhalt der morgendlichen Tablette exakt dem entspricht, was an dem jeweiligen Tag verbraucht wird. Schilddrüsenhormone sind so wichtig, dass der Körper immer eine gewisse Menge davon in Reserve hat. Die Tablette kann komplett weggelassen werden. Auf keinen Fall sollten am nächsten Tag zwei Tabletten eingenommen werden! Bei einzelnen Betroffenen scheint diese Speicherung allerdings nicht richtig zu funktionieren, so dass sie sehr schnell Unterfunktionssymptome bemerken. Die Tabletteneinnahme kann dann im Verlauf des Tages nachgeholt werden. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass die aufgenommene Menge T4 durch vorangegangene oder gleichzeitige Nahrungsaufnahme bis auf 35% vermindert sein kann.

Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion zu Therapiebeginn?

Der menschliche Körper ist sehr anpassungsfähig, so dass er sich während der Hypothyreose an die mangelnde Versorgung mit Schilddrüsenhormonen gewöhnt und sich darauf einstellt. Werden dann von außen plötzlich Schilddrüsenhormone zugeführt, kann es in dem Moment zu viel sein. Dann treten kurzzeitig Überfunktionssymptome wie Unruhe, Herzrasen, Schwitzen oder Durchfall auf obwohl eigentlich noch eine Unterfunktion besteht. Oft hilft es die aktuelle Schilddrüsenhormondosis vorübergehend etwas (12,5 oder 25 µg) zu reduzieren. Einige Tage warten, bis die Überfunktionssymptome abgeklungen sind. Und dann in kleineren Schritten erneut langsam die Dosis erhöhen. Es ist ganz wichtig, dem Körper immer wieder ausreichend Zeit zu geben sich an die neue, höhere Dosis zu gewöhnen. „Wird die Hormonmenge jedoch zu schnell erhöht, so können Beschwerden wie bei einer Schilddrüsenüberfunktion auftreten. […] Bei älteren Menschen und vor allem dann, wenn die Schilddrüsenunterfunktion schon längere Zeit besteht, wird zunächst eine sehr niedrige Dosierung, beispielsweise etwa 12,5 Mikrogramm Levothyroxin pro Tag gewählt. Die Dosis wird ganz langsam in ca. vier-wöchentlichen Abständen um jeweils 12,5 bis 25 Mikrogramm gesteigert.“ (F.Spelsberg, T. Negele: „Ärztlicher Ratgeber Schilddrüse, Wort & Bild Verlag, Baierbrunn 2003, Seite 151)

Symptomverstärkung nach Dosiserhöhung?

Wenn von außen Schilddrüsenhormone zugeführt werden, bedeutet das für die Schilddrüse eine Entlastung. Diese muss sich weniger anstrengen, um eine ausreichende Menge an Schilddrüsenhormonen herzustellen, da Hilfe von außen kommt. Also schraubt sie als Antwort auf die zugeführten Schilddrüsenhormone ihre Eigenproduktion zurück, wodurch sich bereits vorhandene Schilddrüsenunterfunktionsbeschwerden kurzzeitig sogar noch verstärken können. Geduld haben! Das Schilddrüsenhormon T4 wirkt nicht sofort, sondern es braucht einige Zeit, bis sich ein ausreichend hoher Wirkstoffspiegel aufgebaut hat. Oftmals dauert es 10 bis 14 Tage, bis sich eine Dosiserhöhung positiv bemerkbar macht.

Über- und Unterfunktionssymptome treten gleichzeitig auf?

Eine mögliche Erklärung beschäftigt sich mit der unterschiedlichen Abbaurate von Schilddrüsenhormonen in den verschiedenen Organen. Eine Dosis, die für das Herz schon zu viel ist, kann für den Darm noch zu wenig sein. Bis sich das eingespielt hat, kann es z. B. bei Herzbeschwerden sinnvoll sein, unter ärztlicher Kontrolle, zusätzlich Betablocker einzunehmen. Oder bei Darmträgheit als alleinig verbliebenem Symptom die Verdauung mit ballaststoffreicher Ernährung beispielsweise durch den Verzehr von Leinsamen, Weizenkleie usw. anzuregen.

Überfunktionssymptome trotz normaler Blutwerte?

Gelegentlich kann es im Verlauf bestimmter Erkrankungen (z.B. Hashimoto-Thyreoiditis), insbesondere zu Beginn, zu den Beschwerden einer Schilddrüsenüberfunktion kommen. Nicht immer zeigt sich diese subjektive Symptomatik in den Blutwerten. In einer Studie von WAWRZYN und HESCH wurden 33 Patienten mit nachgewiesener Schilddrüsenautonomie und den Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion untersucht. Bei 19 dieser Patienten wurde ein normales TSH gemessen, bei 15 Patienten war das TSH erniedrigt. Ein Vergleich der geäußerten Symptome wie z. B. innere Unruhe, Nervosität, Schwitzen, Herzklopfen, Gewichtsverlust ergab keine signifikanten Unterschiede. Die Autoren kommen aufgrund der Studienergebnisse zu der Überzeugung, dass es so etwas wie eine Organhyperthyreose gibt, die sich durch eine meist milde hyperthyreote Symptomatik jedoch nicht durch pathologische Laborwerte für fT3, fT4 oder TSH auszeichnet. Wurde bisher angenommen, dass eine vermehrte metabolische Wirkung von Schilddrüsenhormonen immer mit einer Suppression der hypophysären TSH-Sekretion verbunden ist, muss man nach dieser Studie davon ausgehen, dass die Messung der Schilddrüsenfunktionswerte zum Ausschluss einer vermehrten Schilddrüsenhormonwirkung nicht ausreicht, da die vermehrte periphere Schilddrüsenhormonwirkung auf spezifischer Organebene dadurch nicht sicher erfasst werden kann (H. Wawrzyn, R. D. Hesch „Schilddrüsenautonomie: „Gibt es eine Organhyperthyreose bei euthyreoten Patienten?“, Med Klin 2000, 8(95): 421 – 428).


Nicole Wobker:

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