{"id":722,"date":"2013-11-21T11:25:02","date_gmt":"2013-11-21T10:25:02","guid":{"rendered":"http:\/\/schilddruesenguide.de\/thyreoiditis\/?p=722"},"modified":"2025-09-17T12:13:57","modified_gmt":"2025-09-17T10:13:57","slug":"moeglicher-zusammenhang-zwischen-adhs-und-erkrankungen-der-schilddruese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schilddruesenguide.de\/thyreoiditis\/moeglicher-zusammenhang-zwischen-adhs-und-erkrankungen-der-schilddruese\/","title":{"rendered":"M\u00f6glicher Zusammenhang zwischen ADHS und Erkrankungen der Schilddr\u00fcse"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn hormonelle St\u00f6rungen neuropsychische Symptome nachahmen (oder verst\u00e4rken)<\/strong><\/p>\n<p>Aufmerksamkeitsdefizitst\u00f6rungen (ADHS) und Schilddr\u00fcsenfehlfunktionen sind zwei ganz unterschiedliche Krankheitsbilder \u2013 aber sie k\u00f6nnen sich durch sehr \u00e4hnliche Symptome \u00e4u\u00dfern. Konzentrationsprobleme, emotionale Reizbarkeit, M\u00fcdigkeit, Antriebslosigkeit oder Schlafst\u00f6rungen treten bei beiden Erkrankungen auf. Deshalb sollte bei einem ADHS-Verdacht unbedingt auch eine gr\u00fcndliche Schilddr\u00fcsendiagnostik erfolgen \u2013 bevor eine dauerhafte medikament\u00f6se Therapie in Betracht gezogen wird.<\/p>\n<h2>1. \u00dcberschneidende Symptome erschweren die Diagnose<\/h2>\n<p>Die Symptome einer Schilddr\u00fcsenunterfunktion \u2013 etwa infolge einer Hashimoto-Thyreoiditis \u2013 sind h\u00e4ufig unspezifisch und k\u00f6nnen leicht als ADHS fehlgedeutet werden:<\/p>\n<ul>\n<li>Konzentrationsprobleme<\/li>\n<li>M\u00fcdigkeit und Ersch\u00f6pfung<\/li>\n<li>Antriebslosigkeit<\/li>\n<li>Stimmungsschwankungen<\/li>\n<li>emotionale \u00dcberempfindlichkeit<\/li>\n<li>Reizbarkeit oder innere Unruhe<\/li>\n<li>Schlafst\u00f6rungen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das gilt sowohl f\u00fcr Kinder und Jugendliche als auch f\u00fcr Erwachsene. Umgekehrt k\u00f6nnen Schilddr\u00fcsenerkrankungen auch als Begleiterkrankung bei ADHS auftreten \u2013 was die Unterscheidung zus\u00e4tzlich erschwert.<\/p>\n<p>Wichtig: Eine einfache TSH-Bestimmung reicht zur Abkl\u00e4rung nicht aus! Empfohlen wird eine erweiterte Schilddr\u00fcsendiagnostik mit TSH, fT3, fT4, TPO-Antik\u00f6rpern und gegebenenfalls einer Sonografie.<\/p>\n<h2>2. Fehldiagnosen sind keine Seltenheit<\/h2>\n<p>In der Praxis kommt es immer wieder zu F\u00e4llen, bei denen zun\u00e4chst ADHS diagnostiziert und behandelt wurde \u2013 obwohl die Ursache der Symptome letztlich in einer Schilddr\u00fcsenerkrankung lag.<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus der Literatur:<\/p>\n<p>\u201eNicht wenige Kinder und Jugendliche werden jahrelang f\u00e4lschlicherweise auf ADS-Syndrom behandelt, obwohl eigentlich eine autoimmune Schilddr\u00fcsenkrankheit besteht.\u201c<br \/>\n(Brakebusch &amp; Heufelder, 2004)<\/p>\n<p>Auch aus pers\u00f6nlichen R\u00fcckmeldungen von Betroffenen ist bekannt, dass sich nach Diagnosestellung und Behandlung einer Hashimoto-Thyreoiditis viele der vermeintlichen ADHS-Symptome deutlich gebessert oder sogar vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgebildet haben.<\/p>\n<table style=\"width: 100%; border-collapse: collapse; margin: 30px 0; font-family: sans-serif; font-size: 15px;\">\n<thead>\n<tr style=\"background-color: #f0f0f0; text-align: left;\">\n<th style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Symptom<\/th>\n<th style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Typisch f\u00fcr ADHS<\/th>\n<th style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Charakteristisch f\u00fcr Schilddr\u00fcsenprobleme<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Konzentrationsschw\u00e4che<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2;\u00a0H\u00e4ufig<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; M\u00f6glich bei Hypo-\/Hyperthyreose<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background-color: #fafafa;\">\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Reizbarkeit \/ emotionale Labilit\u00e4t<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; Sehr h\u00e4ufig<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; M\u00f6glich (besonders bei Hashimoto)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Innere Unruhe \/ Hyperaktivit\u00e4t<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; Leitsymptom<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; H\u00e4ufig\u00a0bei Schilddr\u00fcsen\u00fcberfunktion<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background-color: #fafafa;\">\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Ersch\u00f6pfung \/ Antriebslosigkeit<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e1; Gelegentlich<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; H\u00e4ufig bei Schilddr\u00fcsenunterfunktion<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Stimmungsschwankungen \/ depressive Verstimmung<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; M\u00f6glich<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; H\u00e4ufig (besonders bei Hashimoto)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background-color: #fafafa;\">\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">Gewichtsver\u00e4nderungen<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e1; Selten<\/td>\n<td style=\"padding: 10px; border: 1px solid #ccc;\">&#x1f7e2; Sehr h\u00e4ufig<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h2>3. ADHS und Hashimoto: H\u00e4ufiger gemeinsam als gedacht?<\/h2>\n<p>Dass Schilddr\u00fcsenerkrankungen und ADHS gemeinsam auftreten k\u00f6nnen, ist medizinisch anerkannt. Ob sie besonders h\u00e4ufig miteinander vergesellschaftet sind, ist hingegen noch nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Einige \u00e4ltere Studien untersuchten die Schilddr\u00fcsenfunktion bei ADHS-Betroffenen, unter anderem:<\/p>\n<p>Weiss et al. (1993): Attention-deficit hyperactivity disorder and thyroid function, J Pediatr<\/p>\n<p>Toren et al. (1997): Thyroid function in attention deficit and hyperactivity disorder, J Psychiatr Res<\/p>\n<p>Beide Studien lieferten Hinweise auf m\u00f6gliche Zusammenh\u00e4nge, konnten aber keinen klaren kausalen Zusammenhang zwischen ADHS und Schilddr\u00fcsenerkrankungen feststellen. Die Datenlage ist insgesamt begrenzt und uneinheitlich.<\/p>\n<h2>4. Schilddr\u00fcsenhormone beeinflussen den Gehirnstoffwechsel<\/h2>\n<p>Ein m\u00f6glicher Mechanismus, der die Verbindung zwischen Schilddr\u00fcsenerkrankungen und ADHS erkl\u00e4ren k\u00f6nnte, ist die Rolle der Schilddr\u00fcsenhormone im zentralen Nervensystem.<\/p>\n<p>Diese beeinflussen die Bildung und Verf\u00fcgbarkeit wichtiger Neurotransmitter wie Dopamin und Noradrenalin \u2013 beides Botenstoffe, die bei ADHS typischerweise aus dem Gleichgewicht geraten. Eine gest\u00f6rte Schilddr\u00fcsenfunktion kann daher theoretisch zu \u00e4hnlichen Symptomen f\u00fchren wie ADHS oder diese verst\u00e4rken.<\/p>\n<h2>5. Vorsicht vor vereinfachenden Erkl\u00e4rungsmodellen<\/h2>\n<p>Einige Ratgeber und popul\u00e4rwissenschaftliche B\u00fccher stellen vereinfachende Thesen \u00fcber den Zusammenhang zwischen Hormonen und ADHS auf, etwa:<\/p>\n<p>\u201eBei ADHS handelt es sich meist um eine gesteigerte Aktivit\u00e4t der Schilddr\u00fcse.\u201c (B. Rieger, 2007)<\/p>\n<p>\u201eDie Ursache f\u00fcr ADHS ist ein Hormonungleichgewicht: zu wenig Progesteron, zu viel Insulin und Adrenalin.\u201c (M. Platt, 2009)<\/p>\n<p>Solche Aussagen sind wissenschaftlich nicht belegt und sollten kritisch hinterfragt werden. Sie ignorieren die Komplexit\u00e4t beider Krankheitsbilder und bieten keine belastbare Grundlage f\u00fcr Therapieentscheidungen.<\/p>\n<p>Ein m\u00f6glicher Zusammenhang zwischen ADHS und Schilddr\u00fcsenerkrankungen \u2013 insbesondere der Hashimoto-Thyreoiditis \u2013 ist plausibel, aber derzeit nicht eindeutig wissenschaftlich belegt.<\/p>\n<p>Was aber klar ist:<\/p>\n<ul>\n<li>Es gibt symptomatische \u00dcberschneidungen, die zu Fehldiagnosen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Eine gr\u00fcndliche Schilddr\u00fcsendiagnostik ist vor der ADHS-Diagnose unbedingt zu empfehlen.<\/li>\n<li>Beide Erkrankungen k\u00f6nnen auch parallel auftreten.<\/li>\n<li>Vereinfachte Erkl\u00e4rungsmodelle ohne fundierte Studienlage helfen nicht weiter.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist ein genauer Blick wichtig \u2013 nicht zuletzt, um unn\u00f6tige Medikationen zu vermeiden und eine gezielte Behandlung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Letzte Aktualisierung: 17. September 2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn hormonelle St\u00f6rungen neuropsychische Symptome nachahmen (oder verst\u00e4rken) Aufmerksamkeitsdefizitst\u00f6rungen (ADHS) und Schilddr\u00fcsenfehlfunktionen sind zwei ganz unterschiedliche Krankheitsbilder \u2013 aber sie k\u00f6nnen sich durch sehr \u00e4hnliche Symptome \u00e4u\u00dfern. Konzentrationsprobleme, emotionale Reizbarkeit, M\u00fcdigkeit, Antriebslosigkeit oder Schlafst\u00f6rungen treten bei beiden Erkrankungen auf. 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