{"id":2872,"date":"2016-03-17T10:59:49","date_gmt":"2016-03-17T09:59:49","guid":{"rendered":"http:\/\/schilddruesenguide.de\/thyreoiditis\/?p=2872"},"modified":"2025-08-05T08:33:39","modified_gmt":"2025-08-05T06:33:39","slug":"kein-schlussstrich-unter-die-akten-tschernobyl-und-fukushima","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schilddruesenguide.de\/thyreoiditis\/kein-schlussstrich-unter-die-akten-tschernobyl-und-fukushima\/","title":{"rendered":"Kein Schlussstrich unter die Akten Tschernobyl und Fukushima"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die einheimische Bev\u00f6lkerung leidet bis heute unter den katastrophalen Auswirkungen der Reaktorungl\u00fccke von Tschernobyl und Fukushima.<\/strong><\/p>\n<p>Der am 17.02.2016 ver\u00f6ffentlichte IPPNW-Report &#8222;5 Jahre Leben mit Fukushima &#8211; 30 Jahre Leben mit Tschernobyl&#8220; zeigt, dass die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophen bis heute andauern und die Kapitel Tschernobyl und Fukushima noch jahrzehntelang nicht geschlossen werden d\u00fcrfen. Der Bericht gibt einen \u00dcberblick \u00fcber die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und erl\u00e4utert den derzeitigen Stand des Wissens zu den Folgen der beiden Atomkatastrophen. Jenseits der Kontroversen um die Folgen langfristiger Strahlenexposition mehren sich anerkannte wissenschaftliche Publikationen, die nachweisen, dass sogenannte &#8222;Niedrigstrahlung&#8220; wesentlich gef\u00e4hrlicher ist als bislang angenommen.<\/p>\n<p>Schon sehr kleine Strahlendosen f\u00fchren zu signifikant erh\u00f6hten Risiken f\u00fcr Krebs, Herzkreislauferkrankungen, perinataler Sterblichkeit sowie Fehlbildungen bei Neugeborenen. Au\u00dferdem ist in gro\u00dfen Teilen Zentral- und Osteuropas und in Teilen Asiens das Geburtengeschlechtsverh\u00e4ltnis nach Tschernobyl sprunghaft und hochsignifikant angestiegen. Dieser Effekt weist deutlich auf eine Beeintr\u00e4chtigung der menschlichen Erbanlagen durch &#8222;Niedrigstrahlung&#8220; hin. <!--more--><\/p>\n<p>Die Atomkatastrophe von Fukushima ist noch lange nicht vorbei. Tagt\u00e4glich flie\u00dfen laut Angaben von TEPCO ca. 300 Tonnen radioaktives Abwasser ins Meer. Millionen von Menschen wurden und werden seit Beginn der Katastrophe erh\u00f6hten Strahlendosen ausgesetzt \u2013 vor allem in den Regionen mit relevantem radioaktiven Niederschlag, aber auch in weniger belasteten Teilen des Landes, wo Menschen mit verstrahltem Trinkwasser und radioaktiv kontaminierter Nahrung konfrontiert werden.<\/p>\n<p>Die neuesten Daten der Schilddr\u00fcsenuntersuchungen in der Pr\u00e4fektur Fukushima best\u00e4tigen einen besorgniserregenden Anstieg der Neuerkrankungen von Schilddr\u00fcsenkrebs bei Kindern. Insgesamt 115 Kinder mussten bereits wegen metastasierten oder stark wachsenden Krebsgeschw\u00fcren in ihren Schilddr\u00fcsen operiert werden. Die j\u00e4hrliche Rate von Neuerkrankungen von Schilddr\u00fcsenkrebs bei Kindern in Japan wird vom japanischen Gesundheitsministerium mit 0,3 pro 100.000 angegeben. Bei einer Bev\u00f6lkerung von 300.000 Kindern war somit damit zu rechnen, dass ein Schilddr\u00fcsenkrebsfall im Jahr festgestellt wird. Andere Folgesch\u00e4den als Schilddr\u00fcsenkrebs bei Kindern schloss die japanische Regierung von vorne herein aus. Sie vers\u00e4umte es, f\u00fcr die kontaminierte Bev\u00f6lkerung inklusive der vielen Aufr\u00e4umarbeiterInnen, ein Fukushima-Register aufzubauen, in dem diese Bev\u00f6lkerungsgruppen regelm\u00e4\u00dfigen Gesundheitschecks unterzogen werden.<\/p>\n<p>Auch der Super-GAU von Tschernobyl betrifft 30 Jahre sp\u00e4ter noch immer Millionen von Menschen weltweit: mehr als 830.000 Aufr\u00e4umarbeiterInnen (&#8222;LiquidatorInnen&#8220;), 350.000 Evakuierte aus der 30 km-Zone und weiteren sehr stark kontaminierten Regionen, 8,3 Millionen Menschen aus den stark strahlenbelasteten Regionen in Russland, Wei\u00dfrussland und der Ukraine sowie 600 Millionen Menschen in anderen Teilen Europas, die geringeren Strahlendosen ausgesetzt wurden. Rund 36 % der Gesamtradioaktivit\u00e4t ging damals \u00fcber Wei\u00dfrussland, Russland und der Ukraine nieder, etwa 53 % \u00fcber dem Rest Europas. 11 % verteilten sich \u00fcber den restlichen Globus. Neben einem rasanten Anstieg von Schilddr\u00fcsenkrebserkrankungen bei Kindern, kam es vor allem in der Tschernobylregion zu einem generellen Anstieg diverser Krebsarten wie Brustkrebs und Leuk\u00e4mie. Ebenso erschreckend ist der Anstieg von verschiedenen Nichtkrebserkrankungen, insbesondere des Herz-Kreislaufsystems, der Lungen, der Blutzellen, der Schilddr\u00fcse, Diabetes und Hirnsch\u00e4den, besonders bei Kindern und den LiquidatorInnen. Mindestens 112.000\u2013125.000 LiquidatorInnen sind bereits gestorben, vor allem an Schlaganf\u00e4llen, Herzinfarkten und Krebs. Sie machen die gr\u00f6\u00dfte Zahl unter den Todesopfern aus. Fehlbildungen und eine erh\u00f6hte Perinatalsterblichkeit fanden sich nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und dauern bis heute an.<\/p>\n<p>Institutionen wie die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) und der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) spielen die Folgen der atomaren Katastrophen bis heute herunter. Die Angabe der IAEO von lediglich 4.000 Toten als Folge von Tschernobyl stellt eine gravierende Untersch\u00e4tzung und den unverhohlenen Versuch dar, die Folgen von Tschernobyl kleinzurechnen. Betrachtet man die wichtigsten internationalen Forschungsergebnisse, so liegt die Anzahl der zu erwartenden tschernobylbedingten Krebserkrankungen zwischen einigen Zehntausend und rund 850.000.<\/p>\n<p>Auch im Fall der atomaren Katastrophe von Fukushima haben IAEO und UNSCEAR versucht, nach nur f\u00fcnf Jahren eine abschlie\u00dfende Aussage \u00fcber die Langzeitfolgen der Atomkatastrophe zu treffen, indem sie behaupteten, dass es zu keinen &#8222;relevanten&#8220; oder &#8222;messbaren&#8220; Strahlenfolgen in der betroffenen Bev\u00f6lkerung kommen wird. Da sich vor allem Krebs- und Herzkreislauferkrankungen erst nach Jahren und Jahrzehnten klinisch manifestieren, ist eine solche Aussage unwissenschaftlich und unseri\u00f6s.<\/p>\n<p>Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass die Mitglieder von UNSCEAR sich in ihrem Bericht im Wesentlichen auf die Angaben der IAEO, der Betreiberfirma TEPCO und der japanischen Atombeh\u00f6rden st\u00fctzen. Neutrale unabh\u00e4ngige Institute und Forschungseinrichtungen werden ignoriert. Die Dosisberechnungen der betroffenen Bev\u00f6lkerung im Bericht beruhen ma\u00dfgeblich auf Nahrungsmittelproben der IAEO, einer Organisation, deren Hauptziel die weltweite F\u00f6rderung von Atomenergie ist. Unliebsame Ergebnisse von unabh\u00e4ngigen Nahrungsmittelstichproben wurden ignoriert. Zur Sch\u00e4tzung des Gesamtaussto\u00dfes von Radioaktivit\u00e4t wurden Angaben der japanischen Atomenergiebeh\u00f6rde herangezogen, statt die deutlich h\u00f6heren Berechnungen unabh\u00e4ngiger Institute zu ber\u00fccksichtigen. Die Strahlendosen der Kraftwerksarbeiter wurden gr\u00f6\u00dftenteils direkt von der umstrittenen Betreiberfirma TEPCO \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Statistisch gesehen sind in ganz Japan im Laufe der n\u00e4chsten Jahrzehnten knapp 10.000 zus\u00e4tzliche Krebsf\u00e4lle zu erwarten, selbst wenn man mit den gesch\u00f6nten UNSCEAR-Zahlen und konservativen Risikofaktoren rechnet. Nutzt man andere Daten und modernere, realistischere Risikofaktoren, kommt man auf deutlich h\u00f6here Zahlen, etwa bis zu 66.000 zus\u00e4tzlichen Krebsf\u00e4llen, ca. die H\u00e4lfte davon mit t\u00f6dlichem Verlauf.<\/p>\n<p>Auch in Japan setzt die mit der Atomindustrie eng verflochtene Regierung alles daran, die Akte Fukushima so schnell wie m\u00f6glich zu schlie\u00dfen. So werden au\u00dfer der Reihenuntersuchung kindlicher Schilddr\u00fcsen in der Pr\u00e4fektur Fukushima keine epidemiologischen Studien durchgef\u00fchrt &#8211; getreu dem Motto: Was nicht untersucht wird, kann auch nicht gefunden werden. Auch wurden Gesetze zum sog. &#8222;Geheimnisverrat&#8220; erlassen, die es Journalisten und Wissenschaftlern erschweren sollen, unabh\u00e4ngig zu den Ereignissen in Fukushima zu forschen und zu berichten.<\/p>\n<p>&#8222;Der \u00f6ffentliche Diskurs zu den gesundheitlichen Folgen der atomaren Katastrophen sollte nicht um Profite, Macht und politischen Einfluss gef\u00fchrt werden, sondern das Schicksal und die Gesundheit der betroffenen Menschen im Blick haben. Die Gesundheitsrisiken m\u00fcssen von unabh\u00e4ngigen Wissenschaftlern untersucht werden, und jeder Verdacht auf Beeinflussung durch die Atomindustrie und ihre politischen Unterst\u00fctzer muss ausgeschlossen sein. Umfangreiche Studien sind n\u00f6tig, um die gesundheitlichen Konsequenzen f\u00fcr die betroffene Bev\u00f6lkerung zu verstehen, Erkrankungen fr\u00fchzeitig zu erkennen und zuk\u00fcnftige Generationen durch neue Erkenntnisse vor den Folgen ionisierender Strahlung besser zu sch\u00fctzen. Es geht es um mehr als nur das Prinzip der unabh\u00e4ngigen Forschung, die sich dem Einfluss m\u00e4chtiger Lobbygruppen widersetzt. Es geht um das universelle Recht eines jeden Menschen auf Gesundheit und das Leben in einer gesunden Umwelt&#8220;, erkl\u00e4ren der stellvertretende IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen und die IPPNW-Europa-Vorsitzende Dr. Angelika Clau\u00dfen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ippnw.de\/atomenergie\/gesundheit\/artikel\/de\/kein-schlussstrich-unter-die-akten-t.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ippnw.de<\/a> (<span style=\"color: #ff0000;\">Link gepr\u00fcft am 13.09.23<\/span>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die einheimische Bev\u00f6lkerung leidet bis heute unter den katastrophalen Auswirkungen der Reaktorungl\u00fccke von Tschernobyl und Fukushima. 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