Neuer Blick auf Erkrankungen der Schilddrüse

Erkrankungen der Schilddrüse sind weit verbreitet. Bei rund einem Drittel der Erwachsenen in Deutschland ist die Schilddrüsenfunktion gestört. In einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft erforschen Wissenschaftlerinnen der Jacobs University, wie eine gesunde Schilddrüse arbeitet. Ihre Erkenntnisse könnten helfen, Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenerkrankungen zu verändern.

Das kleine Organ mit der Form eines Schmetterlings hat es in sich. Eine Schilddrüse, die zu viel oder zu wenig Hormon ausschüttet, kann verschiedenste gesundheitliche Probleme auslösen: Zum Beispiel Herzkreislauferkrankungen, Osteoporose, krankhaftes Übergewicht oder Immunerkrankungen. Auch bei Depressionen kann das Organ eine Rolle spielen. „Wie wichtig eine gesunde Schilddrüse ist, weiß man seit mehr als 100 Jahren. Umso erstaunlicher ist es, dass man einiges über die Funktionsweise dieses Organs und ihr Zusammenspiel mit anderen Organen bislang noch nicht weiß“, sagt Klaudia Brix, Professorin für Zellbiologie an der Jacobs University. Sie und ihr Team hoffen nun, einen Teil dieser Wissenslücken zu schließen. „Thyroid Trans Act“ heißt das Schwerpunktprogramm, das von Klaudia Brix an der Jacobs University, Prof. Dr. Heike Biebermann an der Charité in Berlin und Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer am Universitätsklinikum Essen koordiniert wird. Insgesamt 18 Forschungsinstitute sind Deutschland-weit daran beteiligt.

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„Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Forschungseinrichtungen, aber wir haben dasselbe Ziel: Wir wollen besser verstehen, wie die Schilddrüse funktioniert. Das verbindet uns“, sagt Vaishnavi Venugopalan, eine der jungen Wissenschaftlerinnen aus dem Projektteam der Jacobs University. „Die Zusammenarbeit mit den anderen Forschungseinrichtungen ist wirklich gut, ergänzt ihre Kollegin Maren Rehders. „Es ist ein sehr offener, kollegialer Austausch ohne Konkurrenzdenken.“

Wie auch andere Forschungsteams an der Jacobs University bilden auch die Schilddrüsen-Forscherinnen eine internationale Gemeinschaft: Vaishnavi Venugopalan stammt aus Indien, Maren Rehders und Klaudia Brix aus Deutschland, ihre Kolleginnen Maria Qatato und Joanna Szumska aus Palästina und Polen. Ein interkulturelles Team in einer interdisziplinären Forschungsgemeinschaft, die sich komplexen Fragen widmet. „Es ist spannend, in einem solchen Umfeld an einem Thema zu forschen, das für so viele Menschen Bedeutung hat“, sagt Maria Qatato.

Besonderes Augenmerk richten die Forscherinnen auf die sogenannten Hormontransportmoleküle. „Lange Zeit glaubte man, dass Schilddrüsen-Hormone einfach aus der Blutbahn in die Zellen einzelner Organe gelangen“ erklärt Klaudia Brix. Mittlerweile wissen wir, dass der Aufnahmeweg in die Zellen wesentlich komplexer ist. Denn in der Zellmembran befinden sich Transportproteine. Sie sorgen dafür, dass die Hormone in die jeweilige Zielzelle hineingelangen oder aus den Schilddrüsenzellen heraus ins Blut gelangen können. Sind die Transportproteine in ihrer Funktion gestört, hat das erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit.“

Diese etwa fünfzehn Jahre alte Erkenntnis habe zu einem neuen wissenschaftlichen Interesse an der Schilddrüse geführt. „Wichtig ist eben nicht nur die Frage, wieviel Hormon die Schilddrüse produziert, sondern auch, wie die Hormone am Zielort, also von den Zellen des jeweiligen Organs, aufgenommen werden. Unser Ansatz ist es deshalb, die Schilddrüse nicht isoliert zu betrachten, sondern auch die Zellfunktionen besser kennenzulernen, die mit Schilddrüsenhormonen zu tun haben.“
Wie komplex die Wechselwirkungen zwischen der Schilddrüse und dem Stoffwechsel des Körpers sind, zeigt sich auch am Beispiel der Thyronamine. Hierbei handelt es sich um Moleküle, die sich von klassischen Schilddrüsenhormonen ableiten. Sie entstehen, sobald die Hormone bestimmten biochemischen Prozessen unterliegen und dabei abgewandelt werden. Die Abkömmlinge, die aus diesem Prozess hervorgehen, haben in den menschlichen Organen auch entgegengesetzte Wirkungen zu den klassischen Schilddrüsenhormonen. So kann ein Hormon, das für erhöhten Blutdruck sorgt, unter Umständen seinen Gegenspieler in einem blutdrucksenkenden Thyronamin haben. Brix spricht von einem fein regulierten Gleichgewicht. „Wie bei einer Waage.“

Was bedeutet das für Menschen, bei denen dieses Gleichgewicht nicht mehr besteht? Die Forscherinnen an der Jacobs University sind zuversichtlich, dass die Entdeckung der Thyronamine den Grundstein für das bessere Verständnis einiger Stoffwechselwege legen kann. Doch sie wissen auch um die komplexen Zusammenhänge. „Bevor wir an neue Medikamente denken, müssen wir die Konzentration und genaue Beschaffenheit der Thyronamine im Körper noch besser verstehen“, sagt Klaudia Brix. „Wir sind überzeugt: Je besser uns das gelingt, desto gezielter kann Menschen bei Schilddrüsenerkrankungen geholfen werden. Diese Aussicht spornt uns an.“

Quelle: idw-online.de

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