Mythos oder Wahrheit – Krankheitsschübe bei der Hashimoto-Thyreoiditis

Es ist medizinisch umstritten, ob die → Hashimoto-Thyreoiditis in Schüben verläuft bzw. ob diese Krankheitsschübe von den betroffenen Schilddrüsenpatienten bemerkt werden.
Diagnose eines Krankheitsschubs bei der Hashimoto-Thyreoiditis

Dazu gibt es deshalb keine klar definierten, allgemein anerkannten Kriterien.

Das hat zur Folge, dass

  • die meisten Ärzte der Meinung sind “Es gibt keine Krankheitsschübe bei der Hashimoto-Thyreoiditis!”.
  • fast jeder Hashimoto-Thyreoiditis-Patient unter einem Krankheitsschub etwas anderes versteht.
  • schon geringe Schwankungen im Allgemeinbefinden als Krankheitsschub bezeichnet und der Begriff entsprechend inflationär verwendet wird.

Aus meiner Sicht sinnvolle Kriterien für die Definition eines Krankheitsschubes wäre das zeitgleiche Zusammentreffen von

1. Charakteristische Beschwerden:

  • Lokalsymptome: Druck- oder Kloßgefühl im Hals, ziehende Schmerzen sowie gerötete und überwärmte Haut im Bereich der Schilddrüse
  • Grippegefühl mit “subjektiv heißem Kopf” (selten messbares Fieber) ohne klassische Grippesymptome wie Husten und Schnupfen.
  • Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Erschöpfungszustand

2. Messbare Auswirkungen:

  • Anstieg der Antikörper (TPO-AK, TG-AK)
  • Größenabnahme der Schilddrüse
  • Veränderung der Schilddrüsenparameter (Anstieg des TSH, Abfall von fT3 bzw. fT4)

3. Auszumachende Auslöser:

  • länger anhaltender Stress
  • im Anschluss an Infektionskrankheiten (bakteriell oder viral)
  • längerfristige Jodaufnahme in hohen Dosen
  • Hormonschwankungen, z.B. 3 – 6 Monate nach der Geburt eines Kindes (immunologischer Rebound-Effekt)
  • Aufhören zu Rauchen

Von einem Krankheitsschub grundsätzlich abzugrenzen ist das ohnehin schwankende Allgemeinbefinden während der mehrmonatigen Einstellungsphase. Ob man einen Krankheitsschub hat oder nicht, kann man selbst eigentlich nur sicher erkennen, wenn man einen stabilen Gesundheitszustand (das muss keine Beschwerdefreiheit sein) bei einer gleich bleibenden Schilddrüsenhormondosis erreicht hat.

Im Anfangsstadium der Hashimoto-Thyreoiditis kann es im Zusammenhang mit einem Krankheitsschub zu mässigen Überfunktionssymptomen kommen. Durch die Entzündung werden Schilddrüsenzellen zerstört und die darin gespeicherten Schilddrüsenhormone schlagartig freigesetzt. Dies bezeichnet man auch als Hashitoxikose oder Leckhyperthyreose.

Ein im späteren Krankheitsverlauf Wiederauftreten von Unterfunktionssymptomen ist nicht Anzeichen, sondern Folge eines Krankheitsschubs. Bei einem Krankheitsschub wird, sofern noch vorhanden, funktionsfähiges Schilddrüsengewebe zerstört. Deshalb ist NACH einem Krankheitsschub oft eine Dosiserhöhung erforderlich.

Spekulative Überlegungen im Hinblick auf mögliche Behandlungsansätze:

Die Dauer der Krankheitsschübe ist unklar. Oftmals kommt es „nur“ für ein bis drei Tage zu einer massiven Verschlechterung des Allgemeinbefindens. Deshalb ist fraglich, ob kurzfristige Dosisanpassungen tatsächlich erfolgreich sind oder ob es nicht sinnvoller ist einfach abzuwarten.

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronische Erkrankung, aber sie verläuft mit unterschiedlicher Aktivität. Deshalb unterscheiden Ärzte oft zwischen “florider/aktiver” und “ausgebrannter/abgelaufender” Entzündung. Unterscheidungskriterien sind beispielsweise die Höhe/das Vorhandensein von Autoantikörpern sowie bei der atrophen Variante die Schilddrüsengröße. Im Krankheitsverlauf (durch die Schilddrüsenhormontherapie oder weil immer weniger Schilddrüsengewebe vorhanden ist?) lassen die Krankheitsschübe oft nach.

Auch scheint sich eine TSH-suppressive Einstellung mit Schilddrüsenhormonen positiv auf die Krankheitsschübe auszuwirken.

Interessant ist, dass fast nur Frauen im gebärfähigen Alter über Krankheitsschübe berichten. Und dass diese Krankheitsschübe bei ihnen vorwiegend in der ersten Zyklushälfte (bis zum Eisprung) auftreten. Das könnte auf einen möglichen Östrogen-Einfluss hindeuten.

Zur Linderung akuter Beschwerden im Halsbereich lohnt sich ein Versuch mit der hoch dosierten Einnahme von Selen, Bromelain und Omega-3-Fettsäuren sowie lokale Kälteanwendungen (Kühlpack, Lehmwickel).


Nicole Wobker:

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