Lehrmeinung contra Erfahrungswissen

Die Diskrepanz zwischen der offiziellen medizinischen Lehrmeinung und dem subjektiven Erfahrungswissen der SchilddrüsenpatientInnen zeigt sich besonders deutlich wenn es um den TSH-Wert geht.

TSH ist die Abkürzung für „Thyroidea Stimulating Hormon“. Das TSH wird von der Hypophyse produziert und regt die Schilddrüse zur Bildung der Schilddrüsenhormone T4 und T3 an.

Die Bestimmung des TSH-Wertes ist Basis jeder Schilddrüsenfunktionsdiagnostik. Der Normalbereich des TSH-Wertes umfasst die Spanne von 0,3 bis 2,5 mU/l. Erniedrigte TSH-Werte (kleiner als 0,1 – 0,3 mU/l) bedeuten, dass die Schilddrüse zu viele Hormone produziert oder dass die von aussen zugeführte Schilddrüsenhormondosis zu hoch ist. Das wird auch als „hyperthyreosis factitia“ oder „iatrogene Hyperthyreose“ bezeichnet.

Nach Ansicht der Ärzte liegt bei einem TSH-Wert unterhalb des Normalbereiches eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) vor. Nimmt der Patient bereits ein Schilddrüsenhormonpräparat ein ist für sie deshalb die absolut logische und notwendige Konsequenz eine Reduktion der Schilddrüsenhormondosis.

Zu einem Problem wird diese Sichtweise erst dann, wenn sie sich nicht mit Erfahrungswissen der Patienten deckt. Und das ist durchaus häufiger der Fall. Zahlreiche Schilddrüsenpatienten, insbesondere Hashimoto-Thyreoiditis-Erkrankte, berichten, dass es ihnen überhaupt erst besser ging als der TSH-Wert bereits deutlich erniedrigt war. Sie haben deshalb verständlicherweise Angst dieses oft nur mühsam zurückgewonnene Wohlbefinden mit einer Dosisreduktion wieder auf’s Spiel zu setzen.

Das führt zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen zwischen den behandelnden Ärzten und den betroffenen Patienten. Die Ärzte wollen das umsetzen was sie als richtig erachten – die Patienten wollen, dass es ihnen weiterhin gut geht. Lässt sich der Patient trotzdem auf eine Dosisreduktion ein und verschlechtert sich sein Befinden in der Folge ist das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient meist nachhaltig gestört.

Dann wird zuweilen versucht den Arzt davon zu überzeugen, dass seine Sichtweise falsch ist. Aber womit? In den einschlägigen Patientenforen gibt es zwar den notwendigen „emotionalen“ Rückhalt und etliche Patienten denen es genauso geht, aber eindeutige wissenschaftliche Forschungsergebnisse die als handfestes Argument für die eigene Sichtweise dienen könnten findet man dort nicht.

Es gibt zwar einige Untersuchungen zur Auswirkung eines erniedrigten TSH-Wertes auf den Knochenstoffwechsel oder das Herz-Kreislauf-System. Aber mit dem eigentlichen Problem hat sich meines Wissens bisher noch niemand ernsthaft beschäftigt. Es gibt deshalb keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, was richtig ist – eine schlechtere Lebensqualität akzeptieren um mögliche Gesundheitsrisiken zu vermeiden oder aktuelles Wohlbefinden auch wenn es mit dem Eingehen von Risiken verbunden ist? Die Entscheidung muss jeder Patient für sich selbst treffen – es gibt keine Sicherheit!

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