Hashimoto-Thyreoiditis und Gluten bzw. glutenfreie Ernährung

Dieser Artikel wurde am 12.04.19 aktualisiert.

Wer im Internet zum Thema Hashimoto-Thyreoiditis recherchiert, stößt neuerdings auf Ergebnisse wie Autoimmunerkrankung, Gluten, Gliadin, Zöliakie, Glutensensitivität, Weizenallergie, “durchlässiger Darm”, Leaky-Gut-Syndrom, Zonulin … Was ist da dran? Ist die Hashimoto-Thyreoiditis tatsächlich “nur” eine Lebensstilerkrankung, die sich mit einer Ernährungsumstellung in den Griff kriegen lässt?

Ist Gluten die entscheidende Ursache für die Entstehung der Hashimoto-Thyreoiditis?

Seit einigen Jahren wird über den möglichen Zusammenhang von Hashimoto-Thyreoiditis und Gluten bzw. Gluten-Unverträglichkeit unter Hashimoto-Thyreoiditis-PatientInnen in Deutschland teilweise heftig gestritten. Von den behandelnden SchilddrüsenärztInnen hört man indes keine Empfehlungen zu glutenfreier Ernährung bei Hashimoto-Thyreoiditis. Woher kommen die immer weiter um sich greifenden Theorien zu “Hashimoto-Thyreoiditis und Gluten” also?

Der Ausgangspunkt für diese Auseinandersetzungen zum vermuteten Einfluss von Gluten auf den Krankheitsverlauf bei der Hashimoto-Thyreoiditis sind die Veröffentlichungen von zwei in den USA lebenden Autoren. Chris Kresser veröffentlichte 2010 den Artikel “The Gluten-Thyroid Connection” in seinem Weblog. Datis Kharrazian publizierte 2014 das Buch „Schilddrüsenunterfunktion und Hashimoto anders behandeln: Wenn Sie sich trotz normaler Blutwerte schlecht fühlen. Die 22 Muster der Schilddrüsenunterfunktion“. Kresser und Kharrazian sehen Gluten, genauer gesagt Gliadin (Gluten besteht aus Glutenin und Gliadin) als eine der wesentlichen Ursachen der Hashimoto-Thyreoiditis und empfehlen Hashimoto-Thyreoiditis-PatientInnen entsprechend eine glutenfreie Ernährung.

Wer wissenschaftliche Untersuchungen zu “Hashimoto-Thyreoiditis und Gluten” sucht findet beispielsweise bei Pubmed kaum etwas. Eine skandinavische Untersuchung ergab diesbezüglich, dass eine glutenfreie Ernährung keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf der Autoimmunthyreoiditis hat (Quelle: Metso, Hyytiä-Ilmonen, Kaukinen u.a. “Gluten-free diet and autoimmune thyroiditis in patients with celiac disease. A prospective controlled study.” Scand J Gastroenterol. 2012 Jan;47(1):43-8.) Siehe dazu auch → Neue Studienergebnisse zum Effekt glutenfreier Ernährung bei Hashimoto-Thyreoiditis

In Deutschland wurde diese Theorie bislang von offizieller Seite weder aufgegriffen noch bestätigt oder widerlegt. Es gibt kaum ernstzunehmende Veröffentlichungen von Ärzten oder Fachgesellschaften die sich mit dem möglichen  Zusammenhang zwischen Gluten bzw. Gluten-Unverträglichkeit und Hashimoto-Thyreoiditis beschäftigt hätten. Eines der wenigen Statements liefert Mathias Beyer vom Forum Schilddrüse e.V.: “Keine glutenarme oder glutenfreie Ernährung bei Hashimoto notwendig. Es wurde diskutiert, ob man eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, wie Hashimoto-Thyreoiditis, eventuell durch das Reduzieren glutenhaltiger Speisen behandeln könnte. Entsprechende Studien verliefen allerdings diesbezüglich nicht ermutigend. Es ergibt sich bisher kein Grund, Patienten mit einer Hashimoto-Thyreoiditis generell glutenarm oder sogar glutenfrei zu ernähren. Einzelverläufe, nach denen sich Hashimoto-Patient(inn)en mit Beschwerden trotz ausgeglichener Unterfunktion der Schilddrüse durch Ernährungsumstellung subjektiv besser fühlen, sind unserer Erfahrung nach jedoch oft leider nur von kurzer Dauer. Diese Beobachtungen sollten auf keinen Fall zu einer dauerhaften, massiven Einschränkung der Ernährung der Betroffenen führen.” Quelle: forum-schilddruese.de Hierzulande geht man unverändert davon aus, dass eine genetische Veranlagung, chronische Infektionen, langandauernde, stressige Lebensphasen, Veränderungen der Sexualhormone (Schwangerschaft, Wechseljahre) sowie eine übermäßige Jod-Aufnahme die entscheidenden Faktoren im Hinblick auf die Entstehung einer Hashimoto-Thyreoiditis sind. Spezielle Ernährungsempfehlungen wie eine glutenfreie Ernährung für Hashimoto-Thyreoiditis-PatientInnen gibt es demzufolge nicht.

Welche durch Gluten ausgelösten Krankheitsbilder (Zöliakie, Nicht-Zöliakie-assoziierte-Glutensitivität) gibt es?

Was ist Gluten? In welchen Getreidesorten ist Gluten enthalten?

Gluten = in den Samen bestimmter Getreidesorten enthaltenes Klebereiweiß

Getreidesorten mit einem hohem Gluten-Gehalt sind Dinkel, Roggen und insbesondere Weizen. Eine geringere Menge Gluten ist in den Getreidesorten Gerste und Hafer enthalten. Andere Getreidesorten wie Buchweizen, Hirse, Mais und Reis sind dagegen glutenfrei.

Zöliakie

Der Zusammenhang zwischen dem gemeinsamen Auftreten von Hashimoto-Thyreoiditis und Zöliakie ist wissenschaftlich ganz gut belegt. Allgemeinen Schätzungen zufolge leiden 5 bis 10 Prozent der Hashimoto-Thyreoiditis-PatientInnen zusätzlich unter einer Gluten-Unverträglichkeit. Bei der Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie, einheimische Sprue) kommt es durch das in Dinkel, Gerste, Hafer, Roggen und Weizen Getreideeiweiß, das Gluten, zu einer autoimmun bedingten Entzündung der Darmschleimhaut. Häufige Krankheitssymptome sind Übelkeit, Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfälle. Darüber hinaus kann es zu unspezifischeren Beschwerden wie Müdigkeit und einem allgemeinen Unwohlsein kommen.

Nicht-Zöliakie-assoziierte-Glutensensitivität

Bei der Glutensensitivität (auch: atypische Zöliakie) handelt es sich um ein bislang wenig erforschtes Krankheitsbild. Im Gegensatz zur Zöliakie wird Gluten von den PatientInnen mit Nicht-Zöliakie-assoziierter Glutensensitivität nach deren subjektiver Einschätzung nicht vertragen – es kommt jedoch nicht zu einer Schädigung der Dünndarmschleimhäute. Ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der nicht-Zöliakie-assoziierten-Glutensensitivität und der Hashimoto-Thyreoiditis gibt ist unklar.

Quellen:

  • F. S. Schreiber, T. Ziob, M. Vieth, H. Elsbernd: Atypical celiac disease in a patient with type 1 diabetes mellitus and Hashimoto’s thyreoiditis, Dtsch Med Wochenschr. 2011 Jan;136(3):82-5.
  • C. Virili, G. Bassotti, M. G.Santaguida u.a.: Atypical celiac disease as cause of increased need for thyroxine: a systematic study, J Clin Endocrinol Metab. 2012 Mar;97(3):E419-22.

Nicole Wobker:

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