Dilemma Leidensvergleich

Heute schreibe ich hier über ein Thema, welches mir persönlich sehr am Herzen liegt. Immer wieder gibt es Betroffene der autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen die selbstgerecht ihren vermeintlich souveränen Umgang mit der Hashimoto-Thyreoiditis oder dem Morbus Basedow betonen und sich anmaßen über andere zu urteilen denen dies scheinbar weniger gut gelingt.

Individuell unterschiedliche Krankheitsverläufe bei der Hashimoto-Thyreoiditis

Diesbezüglich möchte ich zu bedenken geben, dass beispielsweise der Verlauf der autoimmunen Schilddrüsenerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis extrem unterschiedlich ist. Bei dem einen ist die Hashimoto-Thyreoiditis nur ein Zufallsbefund während einer Kinderwunschbehandlung. Obwohl meist noch keine Krankheitssymptome vorhanden sind, wird in der Regel sofort eine geringe Dosis an Schilddrüsenhormonen gegeben um den Eintritt einer Schwangerschaft zu begünstigen. Was weiß so jemand davon wie sich eine handfeste Schilddrüsenunterfunktion anfühlt? Nichts! Ein anderer hat vielleicht erst seit wenigen Wochen leichte Beschwerden, erhält aber auf Anhieb die richtige Diagnose und wird von seinem Arzt sofort angemessen behandelt, wodurch es ihm schnell wieder gut geht. Ist es da verwunderlich, dass ihm die Hashimoto-Thyreoiditis als unkompliziert und gut behandelbar erscheint? Der nächste ist vielleicht schon jahrelang hypothyreot und hat einen sehr langen Leidensweg hinter sich bevor die Hashimoto-Thyreoiditis überhaupt diagnostiziert wird. Oft ist da im Stoffwechsel-, Immun- und Hormonsystem weit mehr durcheinander geraten als nur die Schilddrüsenhormone. Und während sich einige aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten dann sofort in die Behandlung eines der excellenten privaten Schilddrüsenexperten begeben können, müssen andere bei ihren oft unzureichend informierten Kassenärzten um jede Untersuchung und Behandlung erst lange kämpfen.

Endokrine Orbitopathie erhöht Leidensdruck beim Morbus Basedow entscheidend

Beim Morbus Basedow sieht das nicht anders aus. Auch hier sind die Krankheitsverläufe nur selten miteinander vergleichbar. Für den einen ist bereits nach wenigen Monaten Thyreostatika-Therapie die Sache erledigt. Der andere erleidet ein Rezidiv und es bleiben ihm auch Radioiodtherapie und/oder Schilddrüsenoperation sowie eine eventuell langwierige Einstellung mit einem Schilddrüsenhormonpräparat nicht erspart. Ein Teil der Morbus Basedow Betroffenen hat zudem noch erhebliche Probleme mit einer endokrinen Orbitopathie. Wie kann da der eine über den anderen urteilen? Genauso unsinnig ist aus meiner Sicht der Vergleich zwischen beiden Erkrankungen. Ich habe selbst eine Hashimoto-Thyreoiditis, aber seit Jahren mit etlichen Morbus Basedow Erkrankten Kontakt. Jede dieser Krankheiten kann leicht oder schwer verlaufen. Da kann man nicht grundsätzlich sagen, der Morbus Basedow ist schlimmer oder umgekehrt. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, dann hätte ich auf egal welche dieser beiden Schilddrüsenerkrankungen verzichtet! In diesem Zusammenhang halte ich es deshalb für sehr fragwürdig, diejenigen denen es ohnehin ganz gut geht auch noch für ihre „tolle Einstellung“ zu loben. Sollten stattdessen nicht gerade die, die besser dran sind denjenigen helfen denen es schlechter geht?


Nicole Wobker:

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